„Wanderung eines Caspar David“ | Skulptur von Michel Gérard

Skulptur „Wanderung eines Caspar David“ von Michel Gérard
Skulptur „Wanderung eines Caspar David“ von Michel Gérard
Foto: Archiv Bürgerpark-Initiative

Die Skulptur „Wanderung eines Caspar David“ von Michel Gérard ist die einzig verwirklichte von ursprünglich 3 geplanten Skulpturen im Bürgerpark. Mit ihrem Titel nimmt sie bewusst Bezug auf den frühromantischen Maler, Grafiker und Zeichner Caspar David Friedrich (* 05.09.1774 Greifswald, † 07.05.1840 Dresden).

Die Skulptur stellt sich als ein Ort dar, der zum Umherlaufen einläd (eine begehbare Skulptur als Schauplatz eines Geschehens); so ist auch der Titel zu verstehen. Die Besuchenden wandern über den Ort, an dem die Ausbeute der Erde in den Kreislauf der Verwertung eintrat.

Zum Künstler Michel Gérard

* 1938 Paris. Er absolvierte von 1958 bis 1962 eine Zeichen- und Bildhauerlehre an der Ecole des Arts Appliqués und an der Ecole National Supérieure des Beaux-Arts in Paris. 1983 erhielt er eine Professur an der Ecole Nationale d‘Art in Cergy-Pontoise bei Paris. 1983 und 1984 lebte und arbeitete er in New York, 1985 in Italien und 1988 in Korea. Er wird als ein Vertreter der Konzeptkunst und der Land-Art-Kunst angesehen.

Skulptur „Wanderung eines Caspar David“ von Michel Gérard; Spirale
Skulptur „Wanderung eines Caspar David“
von Michel Gérard

mit SaNaBi Ossoswska
Foto: Bürgerpark-Initiative

Daten zur Skulptur

1986 entstanden die einzelnen Teile der Skulpturengruppe im Press- und Hammerwerk in Völklingen: Das Werk ist ein 12teiliges, 30 t schweres Monument, das einen Durchmesser vom 12 m hat und 4 m hoch ist. (Gusseisen, geschmiedet, nicht industriell gefertigt). 1987 wurde der erste Teil der Arbeit installiert, 1991 der zweite. Am 6. September 1991 fand die Übergabe der Skulptur an die LHS Saarbrücken statt.

Zur Interpretation der Skulptur:

Michel Gérard stellt seiner Arbeit einen Tagebucheintrag von Caspar David Friedrich voran: „Fördere dunkel Erahntes aus den Tiefen der Nacht ans Licht des Tages.“ Dies ist buchstäblich und metaphorisch zu sehen. Einmal, indem er im Bergbau gebräuchliche Arbeitsgegenstände vergrößert ans Tageslicht holt (Bogenausbau/Schrämscheibe/Schürfrad/Radsätze eines Kohlewagens), ein anderes Mal, indem er sie zu Methaphern für die Weltsicht des Malers Caspar David Friedrich macht, die dieser in seinen Bildern ausgeprägt hatte: Bogen, Rad, Spitze und Spazierweg. Gérard setzt geschmiedete Formen in einen räumlichen Bezug, die dem Betrachter eine Ahnung von der industriellen Vergangenheit dieses Platzes vermitteln sollen. Doch hier geht es um mehr als um eine reine Erinnerungskultur. Gérard verweist mit seinem Werk auch auf die Zweiwertigkeit im Umgang mit der Natur. Kosmosverehrung und Schöpfungsmythos (Spirale, Kreis und Bogen) klingen darin ebenso an wie die Erkenntnis, dass nur durch den Raubbau an ihr Entwicklung möglich wurde. Mit der Wahl der Spiralform (,die auch Peter Latz an anderem Ort im Park eingebracht hat), die gleichzeitig in zwei Richtungen läuft, wird zum Einen die Gegensätzlichkeit des Unendlichen impliziert, und zum Anderen die Frage aufgeworfen, was eigentlich den Fortschritt und was den Rückschritt ausmacht, denn das Auf ist hier nur über das Ab möglich.
Und nun zu der Bedeutung des Turms: In mehreren Werken in Deutschland hat Michel Gérard einen solchen Turm bzw. eine erhöhte Pattform im Sinne eines „geomnesischen Observatoriums“ eingebracht. Die geomnesischen Observatorien bezeichnen eine Sinnbeziehung zwischen Erdinnerem (als geologische Struktur und Ort von Kohle- und Erzabbau) und einem Schöpfungsmythos. Wenn das Bild der Zeche an der Oberfläche erneut entsteht, und der Mensch die Situation von einem erhöhten Standpunkt aus überschaut, dann verwandelt sich sein Aussichtspunkt, der den Blick sowohl auf die aus der Tiefe kommenden Ausflüsse, als auch auf mit dem Blick nach Oben verbundene Sehnsucht nach Unendlichkeit lenkt. Diese Gebilde, eine Synthese aus Wachturm und Aussichtsturm, ähneln häufig auf Stelzen ruhenden Schiedsrichtertürmen im Tennis, machen den Menschen zum Betrachter des Weltgetriebes und rufen ihn zur Ordnung in seinem Schauen.

Skulptur „Wanderung eines Caspar David“ von Michel Gérard
Skulptur „Wanderung eines Caspar David“
von Michel Gérard
Foto: Archiv Bürgerpark-Initiative

Zusammenfassend möchte ich folgendes hervorheben:
Mit dem Werk „Wanderung eines Caspar David“ von Michel Gérard wird ein Zeitbogen vom Beginn der Industrialisierung und der Montanindustrie bis zu ihrem Ende gespannt, der zu Lebzeiten Caspar David Friedrichs begann und zu Lebzeiten des Künstlers endet. Dieses monumentale und begehbare Werk (Wanderung/Erfahrung) ist an der Stelle des saarländischen Grubenbeckens installiert. Als Denkmal hat die Skulptur nicht nur Erinnerungsfunktion an Saarländische und Saarbrücker Bergbau- und Eisenindustrie. Nicht nur mit seiner historischen Bezugnahme auf Caspar David Friedrich, sondern auch gerade wegen einer geänderten Sichtweise der Romantik (Gefühle/Mystik/Irrationalismus/Kosmisches) gegenüber der Klassik, ist dies auch ein Denkmal, das uns auf der einen Seite dazu auffordert, ohne Fortschrittsverweigerung darüber nachzudenken, wir wir diesen ohne den Raubbau an unserem Planeten umsetzen können (Nachhaltigkeit), und auf der anderen Seite eine persönliche Stellungnahme verlangt (Schiedsrichterstuhl).

Zu den Kernaussagen der Kunstrichtungen:

Konzeptkunst: „Die Ausführung des Kunstwerks ist von untergeordneter Bedeutung und muss nicht durch den Künstler selbst erfolgen. Im Vordergrund stehen Konzept und Idee, die für die künstlerische Arbeit als gleichwertig erachtet werden. An Stelle fertiger Bilder und Skulpturen treten in diesem Sinne Skizzen, Schriftstücke, Anleitungstexte oder unter Umständen Künstlerbücher, die eigene ästhetische Qualitäten entfalten, auf. Eines der Ziele ist die „Entmaterialisierung“ des Kunstwerks und die Einbeziehung des Betrachters. Gewohnte Sichtweisen, Begriffe und Zusammenhänge der Welt werden hinterfragt, neue Regeln erfunden. Es wird mit Kontexten, Bedeutungen und Assoziationen gearbeitet.

Land Art: „Land Art ist die Umwandlung von geographischem Raum in ein Kunstwerk, oftmals in einen architektonischer Raum.“ „Die Land Art kennzeichnet sich durch eine romantische, aber auch durch eine explizit gesellschaftskritische Komponente aus. Dem Besitzbürgertum, das die Werke der bildenden Kunst nur noch als Spekulationsobjekte betrachtete, wollte man kein neues Konsumgut liefern, sondern Werke schaffen, die in keiner Galerie ausgestellt werden konnten, also weder transportabel, käuflich noch dauerhaft waren. Die Kunstwerke wurden nicht wie Objekte in die Landschaft gestellt, die die Landschaft einfach als attraktiven Hintergrund nutzen, sondern wurden selbst zur Landschaft.

Autor: Andreas Heiske. Anmerkung: Dieser Artikel basiert im Wesentlichen auf einer Zusammenstellung von Zitaten folgender Werke, die sich mit der Skulptur „Wanderung eines Caspar David“ auseinandersetzen: a) „Ein Raum für Begegnung von Vergangenheit und Gegenwart – Bürgerpark Hafeninsel“ aus Kunstlexikon Saar „Kunst im öffentlichen Raum“ 2010, b) Kunst im öffentlichen RaumSaarland „Der Bürgerpark in Saarbrücken und die Skulpturengruppe Wanderung eines Caspar David von Michel Gérard“ von Claudia Maas, herausgegeben vom Institut für aktuelle Kunst im Saarland an der Hochschule der Bildenden Künste Saar Saarlouis 1997. Die Aussagen zu den Kunstrichtungen sind von Wikipedia. Um meines besseren Verständnisses wegen habe ich kleine Änderungen vorgenommen. In der letztlichen Zusammenfassung habe ich auch meinen Standpunkt integriert.